Die smarte Stadt bauen – eine etwas utopische Annäherung

Wir haben Klaus Burmeister um einen Gastbeitrag gebeten. Hier ist er!

KLAUS BURMEISTER arbeitet seit Jahren als Foresight-Experte und Autor an Fragen zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklung, hierzu hat er 2014 das foresightlab ins Leben gerufen.

@foresight_lab

Als ich gebeten wurde, einen kurzen Beitrag zu verfassen, habe ich spontan zugesagt. Das Thema „Wir machen die smarte Stadt“ sprach mich an. In meinem kurzen Beitrag möchte ich pointiert skizzieren, warum Städte gerade jetzt wichtig sind, was ich unter einer smarten Stadt verstehe und wie Städte uns helfen könnten, lebenswerte Zukünfte zu gestalten.

Wir leben in Zeiten des Umbruchs. Der Wandel wird zum Normalfall und Städte sind die Orte, wo die zunehmende Beschleunigung von Veränderungsprozessen, die wachsende Unübersichtlichkeit und die anhaltend hohe Innovationsdynamik konkret erfahrbar werden. Städte sind aber auch Heimat. Hier wird gearbeitet, konsumiert, geliebt, gelebt und hier ist man mobil. Städte sind Schmelztiegel für unterschiedliche Kulturen und Interessen. Permanent wird daraus Neues geboren, was dem Wandel wiederum neue Nahrung gibt. Städte sind, so könnte man sagen, die Seismographen und Laboratorien des Wandels.

Wichtig ist es, sie zu verstehen. Wenn man sich der Stadt analytisch nähert, dabei auf einzelne Funktionen fokussiert, verschwimmen schnell ihre Konturen, sie ufert aus und sie entzieht sich einem einfachen Zugriff. Verbleibt man in einer Helikopter-Perspektive, zeigt sie sich wie ein schwer dechiffrierbarer, verschachtelter Schaltplan. Wollen wir die Stadt begreifen, brauchen wir beide Zugänge, das Wissen über die Funktionsweise der Teilsysteme und ein Verständnis für die Stadt als System.

Was ist nun eine smarte Stadt? Eine smarte Stadt steht für mich nicht synonym für „Smart City“. „Smart City“ ist oft eher ein chic verpackter Container, gefüllt mit den alten Problemen und technisch getriebenen Lösungsversprechen großer IT-Konzerne wie Bosch oder Cisco. Ihre mächtigen Werkzeuge basieren auf Big Data-Analysen vernetzter Smart Devices im Internet of Things. In Echtzeit, so das Versprechen, lassen sich Prozesse kontrollieren und steuern, vom unfall- und staufreien Autoverkehr über nachhaltige Energie- und Logistiksysteme bis hin zur digitalen Verwaltung und Bürgerpartizipation. Der aktuelle „eGovernment MONITOR 2017“  der Initiative D21 zeichnet dagegen ein eher ernüchterndes Bild. Gelungene Beispiele für umfassende Smart City-Lösungen sind mir bislang nicht bekannt. Dies ist kein Abgesang auf die Smart City, hierzu sind die großen Städte bereits zu sehr involviert (s.a. Smart City Charta), vielmehr eine bescheidene Intervention für ein Rethinking bestehender Smart City-Ansätze.

Eine smarte Stadt verzichtet nicht auf IT-basierte Lösungen. Sie verfolgt im Gegensatz einen umfassenderen Innovationsansatz, der alle Beteiligte frühzeitig einbezieht, der zwischen mach- und wünschbaren Zielen abwägt und gleichermaßen soziale und organisatorische Aspekte einbezieht. Die Konzeption der strategischen Forschungs- und Innovationsagenda der Zukunftsstadt des Bundesministeriums für Forschung- und Bildung, liefert eine fast ideale Blaupause für smarte Städte. Allerdings konnte der hohe Anspruch in der Praxis des laufenden Wettbewerbs „Zukunftsstadt“ nicht eingehalten werden. Smarte Städte sind im besten Falle Reallabore. Sie reagieren und interagieren permanent mit ihrer Umwelt. Sie leben vom gemeinsamen Handeln wechselnder städtischer Akteure mit oft sehr unterschiedlichen Interessen. Smarte Städte sind deshalb klug. weil sie ihre Vielfalt nutzen und sich als Ermöglicher verstehen.

Aber wer bewegt die smarte Stadt? Es muss dabei nicht immer die Verwaltung oder die Politik sein. Damit entlasse ich sie nicht aus der Verantwortung. Sie sollten allerdings definieren, welche Rolle sie wann spielen wollen, die des Verwalters, des Moderators, Betreibers, Nutzers, Impulsgebers oder Gestalters. Eine zentrale Aufgabe obliegt ihnen auf jeden Fall, sie müssen das Gemeinwohl im Auge behalten, um eine mögliche Dominanz wirtschaftlicher Interessen auszutarieren und eine breite Beteiligung der Zivilgesellschaft zu garantieren. Smarte Städte gehen neuartige und wechselnde Innovationsallianzen ein. Sie leben von Engagement städtischer Akteure, die auch mal selber „Geld in die Hand nehmen“, ob über Crowdfunding, mit Blockchain oder durch ein privates Investment. Zukunft ohne Risiken ist eine Ungleichung, sie wird es nicht geben.

Wir leben in einer Zeit in der wir „mehr herstellen als wir uns vorstellen können.“ Dieser Satz von Günter Anders aus dem Jahre 1956 bringt es treffend auf den Punkt. Die Aussage entfaltet vielleicht erst beim zweiten Lesen ihre Bedeutung. Wir müssen fantasievoller und radikaler Denken. Der gesamte Kontext von Leben, Arbeiten, Produzieren und Konsumieren kann und muss neu gedacht werden. An dieser Stelle kann ich nur exemplarisch auf zwei disruptive Potenziale städtischer Entwicklung hinweisen (Ich spare das Thema Künstliche Intelligenz bewusst aus, weil es einer ausführlichen Analyse und Einordnung bedarf):

  1. Die Potentiale plattformgestützter autonomer Verkehre und intermodale Mobilitätsysteme. Hierbei es geht um nicht weniger als um die Rückeroberung des öffentlichen Raumes. Was das in absehbarer Zeit für die Städte heißen kann, ist im „Blueprint for Autonomous Urbanism“ der NACTO, einer NGO amerikanischer Städte nachzulesen.
  2. Das Thema urbane Produktion, dass durch Industrie 4.0 zurück auf die Agenda der Städte kommt. Verbunden mit Ansätzen von Microfabriken, wie sie Local Motors (also Airbus) plant oder der Speedfactory von Adidas in Ansbach erfährt die Zukunft der Arbeit auch neuartige regionale Potentiale. Was wäre, wenn man diese neuen Möglichkeiten verbinden würde mit der Startup-Szene, Makern? Das Verbundvorhaben COWERK  denkt u.a. in eine Richtung, die Industrie 4.0 in Sinne einer Green Economy erweitern könnte.

Wir müssen und vor allem wir können Stadt neu denken. Um dies tun zu können, benötigen wir neben der Entfaltung von Ideen, Visionen und Kreativität vielfältige neue Formen und Erprobungsräume für experimentelle Politik. Hierzu haben sich auch unlängst die Spitzenverbände von Wirtschaft und Wissenschaft bekannt .

Benötigt werden handelnde Akteure, die bereit sind Innovationshürden zu überwinden und Verwaltungen und Politik, die den Weg ebenen für Pilotprojekte und Freiräume auf Zeit eröffnen. Open Innovation, Co-creation und Kooperation mit unterschiedlichen Akteuren sind essentielle Bestandteile systemischer Innovationen, die gilt es in allen zentralen Handlungsfeldern, von Mobilität und Infrastruktur über die Energie und Umwelt bis zu Bildung und Arbeit anzugehen. Siehe hierzu auch die D2030-Szenarien „Neue Horizonte.

Es mag zum Schluss fast etwas altmodisch klingen, aber Städte sind immer die zentralen Erfahrungs- und Erprobungsorte für eine lebendige Demokratie gewesen. Wir brauchen sie auch weiterhin als smarte Partner in unruhigen Zeiten für die Mitgestaltung lebenswerter Zukünfte.

6 Gedanken zu „Die smarte Stadt bauen – eine etwas utopische Annäherung

  1. Wolfgang Ksoll

    Schade, dass der Autor den Kontext der Smart City nicht mag und auch KI aussen vor lassen will. Für die Leute, die sich mit den Chancen von IT für eine Smart City auseinander setzen wollen, ist er mit diesem Derailing keine Hilfe. Natürlich sind auch seine Themen spannend. Aber das Umbiegen von Smart ist eher als Feigheit zu deuten. Wenn der E-Government Bericht erneut sagt, dass E-Government in Deutschland nicht statt findet (anders als in fast allen anderen Staaten), kann man doch nicht einfach weg rennen und was anderes machen, statt im Thema zu bleiben. Möglicherweise sehen wir aber auch in dem Derailing hier die Gründe, dass wir in Deutschland digital so zurückfallen. Auf Netzpolitik.org hat es jemand auf den Punkt gebracht. So lange es in Deutschland Obdachlose gäbe, würde er/sie sich mit Digitalisierung nicht beschäftigen (wohl aber digital einen Kommentar online abgeben 🙂
    Ich denke, wir sollten den Mut haben, auch in Deutschland zu untersuchen, welche neuen Chancen wir für Smart Cities mit dem Internet der Dinge haben. Cisco und IBM müssen da nicht den gefloppten Modellen nicht im Vordergrund stehen. Aber Barcelona hat ja schön gezeigt, das ein Switch von supply driven auf demand driven möglich ist mit dem Souverän im Driver Seat.

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    1. Klaus Burmeister

      Vielen Dank für Ihren Kommentar.

      Ich habe persönlich nichts gegen Smart Cities. Ich übe Kritik an der konzeptionellen Grundausrichtung. Die Smart Cities Charta zeigt deutlich, was es für Großstädte inhaltlich und organisatorisch bedeutet, auf Augenhöhen mit den Lösungsanbietern zu verhandeln. Kleinstädte sind dagegen strukturell benachteiligt. Ich plädiere nachdrücklich für eine systemische Sicht auf die Stadt (s.a. unser Buch: „Stadt als System“, https://www.oekom.de/nc/buecher/gesamtprogramm/buch/stadt-als-system.html) Die Konzeption der „Zukunftsstadt“, die ich zitiert habe, ist ein einzigartiges Kompendium vernetzter Lösungsansätze. Technik wird dabei immer eine Rolle spielen. Mein Punkt ist der, dass wir gar nicht weit und nicht kreativ genug denken, um die Möglichkeiten, die wir haben auch zu nutzen und mitzugestalten. Daher auch der Hinweis auf das autonome Fahren.

      Über eine Ihrer Aussage habe ich mich gewundert. Weil ich nichts explizit über Künstliche Intelligenz (KI) sage, sei der Rest des Textes wenig hilfreich. Das würde ja heißen, dass die Zukunft der Städte nicht mehr ohne KI zu diskutieren sei. Hier vertrete ich dezidiert eine andere Position. Es wird m. E. zu wenig Gehaltvolles über KI geschrieben. Sie ist andererseits längst Teil unseres Alltagslebens, wie Siri, Alexa oder Google –Translate oder in der Navigation teil-autonomer Fahrzeuge. Ich stimme Ihnen allerdings zu, dass wir uns, also die Gesellschaft, sehr intensiv mit dem Stand und den Perspektiven der KI beschäftigen müssen. Hierzu fand ich die aktuellen 10 Empfehlungen des AI NOW Instituts hilfreich (https://medium.com/@AINowInstitute/the-10-top-recommendations-for-the-ai-field-in-2017-b3253624a7) mit dem neu gegründeten Weizenbaum-Institut (Internet institut, https://vernetzung-und-gesellschaft.de/) in Berlin und der Plattform „Lernende Systeme“ (http://www.plattform-lernende-systeme.de/ueber-die-plattform.html) setzt, wenn auch etwas verspätet, Deutschland eigene Akzente.

      Wenn KI Städte smarte machen solle, wäre meine Frage an Sie, welche Bereiche würden sich dafür eignen und was versprechen Sie sich davon?

      Beste Grüße

      Klaus Burmeister

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  2. Wolfgang Ksoll

    Ich stelle noch mal einen Auszug aus WIkipedia vorne an:
    „Smart City ist ein Begriff, der seit den 2000er Jahren von unterschiedlichen Akteuren in Politik, Wirtschaft, Verwaltung und Stadtplanung verwendet wird, um technologiebasierte Veränderungen und Innovationen in urbanen Räumen zusammenzufassen. Die Idee der Smart City geht mit der Nutzbarmachung digitaler Technologien einher und stellt zugleich eine Reaktion auf die wirtschaftlichen, sozialen und politischen Herausforderungen dar, mit denen postindustrielle Gesellschaften um die Jahrtausendwende konfrontiert sind.“
    Der Ausgangspunkt ist Technologie. Schon in den 1990ern haben wir darüber hier in Berlin diskutiert, z.B. mit Staatssekretär Branoner. Wir haben nun gesehen, dass dass supply side getriebene Aktivitäten von IBM, Cisco, Telekom usw. nicht sehr erfolgreich waren. Wir haben auch gelernt, dass wir Lücken im Vertragsrecht haben, wem denn die Daten des IoT „gehören“. Das wurde bisher nicht als Open Data gesehen von den Vendorn. WIr hatten das z.B. auf Face Book in der Gruppe Open Data diskutiert, u.a. mit Bonn.
    Mit Barcelona (und Wien sowieso) hat sich das gedreht zur demand side hin. Die EU hat sich viel stärker und schneller zu Open Data gewendet als Deutschland. Das hat die ganze Geodatenszene gedreht, z..b. mit INSPIRE. Die EU gibt auch derzeit viel Geld aus, um Daten aus der Erdbeobachtung als Open Data zur Verfügung gestellt werden. Unter anderem eben auch für Smart Cities. Basisdaten für die Energiewende, Umweltdaten für Luft und Wasser und einige andere Bereiche, die eher für Smart Country interessant sind, wie Agriculture, Bio Diversity oder Food Security. Die Sammlung Daten sind von schon finanziert worden und nun geht man den nächsten Schritt in die Anwendung.
    Was ich in den letzten drei Monaten gesehen habe, sind oft auch Big Data Datensätze mit hohem numerisch intensivem Aufwand. Vor einer halben Stunde haben wir eine Anwendunge gesehen über Luftverschmutzung in Städten.
    So haben wir auf der einen Seite riesige Datenbestände aus der öffentlichen Hand und in der Wirtschaft und auf der anderen Seite, die anderen Seite tauschen zivilgesellschaftliche Aktivitäten auf wie luftdaten.info, wo mit billigem Equipment von Zivilisten ehrenamtlich Feinstaub gemessen wird. Da sieht man sehr schnell, wie dreckig die Stadt Stuttgart wird mit ihrer besonderen Tallage. Bei Feinstaub sieht man dann auch, dass immer mehr Daten verfügbar werden aus diversen Quellen. Hier ist es eine spannende Frage, ob man die mit KI in Echtzeit auswerten kann, um Vorschläge zu machen. Mache ich ein Fahrverbot in Stuttgart, um unter dne Grenzwert zu kommen oder mache ich es weiter wie die Bundesregierung und die Automobilwirtschaft, einfach 5.000 Leute sterben zu lassen. Eine City ist nicht smart, die ihre Bürger vorsätzlich verrecken lässt.
    Anderes Beispiel für KI: auf den Feinstaubkarten sieht man manchmal Dreckwolken von der Nordsee ins Inland fliegen. Hier kann man mit Zeit serien unter suchen, ob der Dreck von großen Schiffen stammt, die dreckigstes Öl verballern und in Städten damit Menschen töten. Wir könnten die Daten zur Diskussion über Antriebstechnik für Schiffe nutzen oder einfach die enschen weiter sterben lassen.
    Aus dme Umweltbereich habe ich noch mehr Beispiele mit Energie, Luft und Wasse, wo IoT uns helfen kann, die Städte smarter zu machen.
    Aber hier noch ein Beispiel aus der Verwaltung: mehrere Städte haben bekommen, Chatrobots in ihre Webseiten einzubauen, um Bürger zu beraten. Das spart Zeit von Verwaltungsmitarbeitern, die uns demografisch knapp werden. Und hilft Bürgern, nicht mit der Tastatur zu kommunizieren, sondern einfach zu sprechen. Auch das ist bei unserer Demografie von Vorteil.
    Was wir tun, ist viel zu wenig die Chancen auszuloten, wie auch Sie es mit ihrem Wegrennen machen. Die 10 Gebote für AI halte ich z.B. für Kacke. Sie sind so typische deutsche Digiatliserungssabotage.
    Es wird nicht gefragt, wo könne wir AI nützlich anwenden,s ondenr religiös so getan wenn der Mensch besser sei als AI. Die Tips sind entweder Trivialitäten (Fehlerausmerzung, Kontinuierliche Verbesserung) oder religiöser Unsinn.:
    Nach 2000 Jahren christlicher Zivilisation ist es uns nicht gelungen, Menschen Ethik und standardisiertes Verhalten beizubringen. Immer wieder sehen wir, dass gut ausgebildte Polizisten wie Neandertaler auf Demonstranten einprügeln und auf Verfassung und Rechtsstaat scheissen (und mir dann kackfreche Politiker ins Gesicht lügen, es habe keine Gewalt von der Polizei in Hamburg gegeben). Und dann glauben wir, dass diese fehlerhaften Menschen selbstlernenden Systemen Ethik beibringen könnten und die überwachen könnten? Lächerlich. Bei dem Bias bei der schwarzen Bevölkerung verhalten sich KI-System exakt wie die US-Bevölkerung. Es ist eine religiöse Irrlehre, dass Menschen technischen Systemen beibringen könntn, ethisch und strafrechtlich besser zu sein. Wir können mitnichten in Polizisten reinschauen, ob die auch die vorgesehenen Algorithmen abarbeiten. Aber bei Maschinen postulieren wir das in unserer Überheblichkeit und lassen Juristen ran (Ethikrat), die uns schon in Deutschland das E-Government zerstört haben. Siehe die andauernden D21-Umfragen, die dnan danach dümmlich mehr Marketing fordern für eine Technolgie, die versagt hat.
    Ich denke, wir sollten uns von unseren voreiligen (Kurz-)schlüssen befreien und erst mal offener werden, was das auf uns zu kommt und wie wir es nutzen können. Bis hin dazu, dass wir auch nach dem ökonomischen Nutzen fragen, der von IBM, Cisco und Telekom den Bürgermeistern in der ersten Runde unterschlagen wurde.
    Ein letztes noch, da Sie die systemische Sicht erwähnt. Niklas Luhmann hat deutlich gemacht, dass Gesellschaft auf Kommunikation basiert (leider ist er zur früh gestorben, als er sich 1998 der IT zuwendete. Wenn wir aber eine irrsinnige Revolution in der Kommunikationstechnik habe (oral wird zu schriftlich, Buchdruck zu Internet), dann haben wir ganz normal auch eine irrsinnige Änderung der Gesellschaft. Aktuell kommt zur geänderten Kommunikationstechnologie unter den Menschen noch das Internet der Dinge hinzu. Gerade in Städten. Da ist es nicht damit getan, auf eine Handvoll Projekte des Bundes zu verweisen, der sowieso im Zweifelsfall dem Change sich entgegenstemmt (1986 wollte das BMFT dass wir OSI an den Hochschulen, z.B. in Berlin, machen sollten. Wir wollten aber freie und offene Kommunikation im Internet. Wir haben uns für das Internet entscheiden und nicht absurde Standards von deutschen Technokraten.
    Wenn ich da nicht so zuversichtlich wäre, würde ich mich in meinem Alter gar nicht mehr aufregen und die SPinner von Jamaika uns weiter bei der Digialoiserung behindern lassen („digitale Signaturen“!).
    The future is bright and open auch in der Smart City.

    Am Rande: Smart City ist ein globaler Begriff, Smart Stadt eher national. Ich mag diesen Nationalismus nicht mehr. Nur beim Fussball.

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  3. Klaus Burmeister

    Wikipedia weiss auch nicht alles. Ich habe mich bereits ab Mitte der 90er Jahre mit dem Thema Stadt und – damals hiess es – Telematik befasst. Es gab eine regelrechte soziale Bewegung dazu in Berlin und anderswo, wie z. B. das damalige Vorzeigeprojekt: Die Digitale Stadt Amsterdam (übrigens, sie gibt es heute in der Smart City Version). Sie und viele andere sahen die Stadt als Metapher als ein digitales Eintrittstor in die Stadt. Es ging hier eben nicht um Technik, es ging um Kommunkation und Beteiligung. Gleichzeitig tauchte der Begriff der Telecity – aus der Zeit hat die Telepolis von Florian Rötzer ihren Namen – auf, die sich bald europäsich organisierten. Was will ich sagen? Nur so viel, die Smart Cities hat viele und alte Wurzeln, ein starker Strang war immer die Frage nach Beteiligung und Demokratie. Mannesmann (Otelo) und RWE (RWE Teliance) versuchten damals statt Strom Daten durch ihren Leitungen zu versenden, sie hatte den Unterschied nicht richtig verstanden.

    Eine Anmerklung zu den Fenstaubdaten. Was bewirken die Daten? Resultiert daraus handeln? Meine These ist, ja, aber auch nur dann, wenn es Menschen und eine kritische Öffentlichkeit gibt, die das Thema aktiv verteten und selbst dann nicht immer. Es liegt nicht an den Daten und dem Wissen, dass darin steckt, ob und etwas passiert. Entscheidend sind auch die dahinter liegenden Interessen und natürlich die digitalen Geschäftsmodelle.

    Jan Lutz in Stutgart habe ich kennengelent, ein tolle Idee zur rechten Zeit und in der richtigen Stadt. Die Open Data-Szene kenne ich zu wenig. Grundsätzlich kann ich mir vorstellen, dass sie ein grosses Potential dafür bieten kann, die Daten der Städte auch für neue Geschäftsmodelle zu nutzen, ganz im Sinne des öffentlichen Gemeinwohlauftrages. Es gibt so gar ein Open Data Portal in Gelsenkirchen, ich weiss, es tut sich was, aber langsam eben.

    Um es nochmal zu sagen, es gibt sinnvolle IT-Anwendungen. Aber, wenn man seit Jahrzehnten, von den Siemens-HICOM-Anlagen über das CIM-Konzept und Industrie 4.0 bis zu vielen Smart City-Konzepten die Erfahrungen der Innovationsforschung bei der Einführung neuer Technologie meist missachtet, dann wird damit verhindert, dass die vorhaben Nutzungspotentiale nicht freigesetzt werden. Es fehlt z. B. der Schub oder Ruck der Bürger. Gibt es Bürgerinitiativen für die Gesundheitskarte oder eine Demo für die digitale Beantragung eines Ausweises oder der Einreichung der Steuerklärung? Ja, dass ist eine Zuspitzung, aber sie bringt es m. E. auf den Punkt. Wenn die Bürger überzeugt vom Nutzen digitaler Services wären, es gebe mehr und bessere davon. Hier haben nicht allein die Stadtverwaltungen versagt, sondern auch die Unternehmen. Siemens hat in London „The Crystal“ gebaut, eine riesiges Demonstrationhalle, um Investoren – meist aus Asien – zu zeigen, was Siemens als Infrastrukturunternehmen leisten kann. Die Kommunikation vor Ort wurde vernachlässigt. Die Industrie hat ihre Chancen nicht genutzt. Warum nicht mal mit Greenpeace den Feinstaub bekämpfen und mit Berlin und ecars-Szene Ladesäulen aufbauen und Sektorkoppelung ermöglichen…, nur als Beisiel…

    KI ist – wie gesagt – ein wirkliches Mega-Thema, hier herrscht eine klare Asymmetrie zwischen den Investionen in KI-Anwendungen und den Risikoanalysen. Das OpenAI Institutt von Musk und anderen Geldgebern gegründet und mal so eben mit 1 Mrd Dollar ausgestattet, soll sich u.a. darum kümmern. Das Deutsche Internet Institut erhält 50 Mio Euro um u.a, auch dazu zu forschen. Ein Tropfen auf den heissen Stein gegenüber den Miliarden Investitonen allein der Big Five. Was auf uns zukommt hat ganz unaufregt gerade Thomas Hofman, Prof. an der ETH und früher bei Google in der NZZ beschrieben: https://www.nzz.ch/wirtschaft/oft-entscheiden-menschen-sehr-schlecht-ld.1325428.
    Wir brauchen ein tiefes Verständnis und Wissen davon was gerade passiert, wo wir stehen, was wir können, was in in 1 bis 3 Jahren möglich ist und was kommen kann. Wir reden zu viel und wissen zu wenig.

    Genau, die Zukunft ist offen, lasst sie uns (mit-)gestalten und reden ist n u r der Einstieg.
    Also, ich bin schon immer 04-Fan ,-)

    LG
    Klaus Burmeister

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  4. Wolfgang Ksoll

    Man kann natürlich aus verschiedenen Perspektiven eine Stadt ansehen. Luhmann hat ja immer klar betont, dass es den neutralen Beobachter nicht gibt, sondern jede Beobachtung das System verändert. Schaut man politisch auf die Stadt, kommt was anderes heraus als wenn man auf die Technik schaut. Wenn ich ökonomisch auf Robotik und KI schaue, kommt bei mir BGE raus:
    http://wk-blog.wolfgang-ksoll.de/2016/08/26/zerstoeren-kuenstliche-intelligenz-und-roboter-den-kapitalismus/
    Ich finde es aber nicht richtig, den Begriff Smart City von technisch auf soziologisch zu derailen, von globaler Sicht auf nationale Sicht einzuengen zur Smart Stadt.
    Auch die Telematik der 1990er Jahre hatte einen technischen Kern und soziale Folgen. Eberhard Diepgen hatte es 1998 z.B. als „Der Berliner Weg in die Informationsgesellschaft“ überschrieben, was Branoner als StS dann versuchte umzusetzen:
    https://www.itdz-berlin.de/dokumente/splitter/splitter_1998_1.pdf Seite 4.
    Ich war dort auch auf mancher Sitzung, wo erste Forschungsergebisse gezeigt wurden, was man heute Internet der Dinge nennen würde. Vieles von dem zerredet aber der Deutsche gründlich. Ein Beispiel von damals: die Berliner Agentur Art&Com nötigte uns 1995 eine Diskussion auf „Warum Internet Scheisse ist“. Vertane Zeit. Aber typisch deutsch. Sinnloses Gelabere. Wie man empirische gesichert 2017 konstatieren kann:
    https://groups.google.com/forum/#!msg/de.comm.internet/hkTzK-v9B5k/N7-Ji6C1qPAJ
    (Note bene: und die bösen Kapitalisten aus den USA, die uns den ganzen Tag nur tracken wollen, um mit kruden Geschäftsmodellen uns abzuzocken (obwohl die Werbeeinnahmen von Fkirmen stammen, deren Podukte wir hier in Deutschland bei Lidl kaufen sollen) habe unsere Diskussionen von damals gespeichert, das wir uns heute daran erinnern können).
    Wir haben in Deutschland eine Neigung die Dinge schlecht zu reden, um dann im Ergebnis hinter dem Rest der Welt zurück zufallen.

    Die antimaerikanaischen Verschwörungstheorien verhindern häufig den Fortschritt gerade aus pseudolinker Ecke. Es ist absurd, bei den Feinstaubmessungen Geschäftsmodelle zu vermuten. Das sind ehrenamtliche Aktivisten in Stuttgart, die mit billigen Geräten aus China eine gemeinnützige Aktivität gebastelt haben, weil es ihnen Spass macht. Und der Erfolg ist toll. Ohne Geschäftsmodell, ohne Frage des cui bono, sondern einfach weil es geht. Natürlich kann Greenpace da mitmachen. Warum verpennen die das? Weil keine Amis dabei sind, die man verteufeln könnte? luftdaten.info sammelt die Sensordaten mit dem Internet, das nahezu grenzkostenlos zur Verfügung steht. Aber da kann man politisch ja nicht gegen die Amis wettern und über Datenschutz derailen.

    Um noch mehr etwas zu faktenbasiertem statt ideologischem Wissen beizutragen:
    Das deutsche Internet Institut macht keine technische Forschung. Das hätte man in dem ungeliebten Wikipedia nachlesen können: https://de.wikipedia.org/wiki/Deutsches_Internet-Institut
    Die sind mit den 50 Mio € für ihre Zwecke gut ausgestattet. Dagegen beschäftigt sich das Open AI Institut mit technischer Forschung, wobei Labore häufig kostenintensiver sind als Büros. Hätte man nachlesen können. Z.B. hier https://openai.com/

    Ja, Amsterdam macht tolle Projekte. Der Projektmanager hatte das ja auch letzte Woche hier in Berlin vorgestellt, was auch auf Twitter (von diesem bösen US-Konzern, der uns nur Tracken will, um unsere personenbezogenen Daten zu verlaufen 🙂 diskutiert worden war.
    Da kam auch der Hinweis auf https://amsterdamsmartcity.com/ Coole Projekte.
    Die Holländer sind halt offener als wir deutschen Bedenkenträger oder wie man neudeutsch sagt „alte weiße Männer“. Das zeigt sich auch in Rotterdam, während man hier noch antiamerikanische Big-Data-Verschwörungstheorien halluziniert, hat man in Amsterdam einen Big Data Lake gebaut, in den Zivilgesellschaft, Staat und Wirtschaft einspeisen und jeder frei sich bedienen kann. Ich werde darüber am 11.11.2017 in Wuppertal kurz reden.

    Das Schlimmste was uns passieren kann, ist das wie bei der Digitalisierung uns mental immer weiter von der Technik entfernen, um uns in hysterischen Angstzenarien in deutchen nationalen Risiken vergranebn und die Chancen nicht mehr an uns heran lassen. Die Arbeit der Bundesregierung zeugt sehr schön, wie man diesen Hass auf Technik 20 Jahre pflegen kann und das als Digitalisierung verlauft. Ich werde mich an den Angstkampagnen nicht beteiligen. Ja Siemens hat neben der Hicom auch andere Fehler gemacht z.B. Atomkraftwerke gebaut. Ist aber in D vorbei. Und SBS an die französische ATOS verkauft, weil man technologisch nicht mehr mithalten konnte.

    Es bleibt spannend, ob wir zum REst der Welt noch aufholen können und ob wor weil weiland Andreas Gryphus in Trübsal versinken („Es ist alles eitel!“ sagte er, als die Aufklärung kam 🙂 Ich halte es da lieber mit dem Galilei: Und sie dreht sich doch!

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